Basale Stimulation

Fragen und Antworten

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• Pflege als Pflegekunde, als Pflegekunst und als
   Beziehungsarbeit

„Basale Stimulation®, in der Pflege“

Sie soll aufzeigen, wie „einfach“ und „normal“ Pflege ist!

Pflege ist ein Begriff, der aus dem Alltag stammt und zunächst auch Alltägliches benennt. Pflege und Versorgung kranker, behinderter und schwacher Menschen ist eine allgemeine menschliche Tätigkeit, die schon lange, bevor es einen speziellen Berufsstand der Pflegenden gab, praktiziert wurde.

Im Leben des Menschen steht Pflege am Anfang und am Ende.

Viele Menschen erfahren Pflege auch zu anderen Zeiten während ihres Lebens. Die Pflege des Säuglings ist eine nicht hinterfragte Aktivität seiner Eltern, die Pflege schwerkranker und sterbender Menschen eine menschliche Selbstverständlichkeit.

Menschen mit einer Behinderung benötigen in unterschiedlichsten Bereichen, in unterschiedlicher Intensität die Hilfsaktivitäten anderer, die wir allgemeinsprachlich mit „Pflege“ umschreiben.

Der Begriff Pflege wird allerdings auch auf unbelebte Objekte (z. B. Autopflege), ja sogar auf abstrakte Bereiche (z. b. Sprachpflege) angewandt. Der sorgsame, pflegliche Umgang mit jemandem oder etwas steht im Zentrum dieses Sprachgebrauchs.

Pflege im professionellen Sinne als Pflegekunst (Orem), die auf der Basis einer Pflegekunde (Evers) praktiziert wird, etabliert sich zunehmend als „eigenständige Disziplin“ und „Wissenschaft“.

In den vergangenen Jahren hat sich sehr deutliche eine Theoriebildung (Walker/Avant) entwickelt, die es möglich macht, einige Grundcharakteristika pflegerischen Handelns und Denkens darzustellen:

Zunächst kann ausgesagt werden, dass „Pflege“ eine soziale Dienstleistung von Menschen für Menschen ist. Diese Pflege versteht sich heute umfassend und bezieht sich nicht nur auf kranke Menschen, sondern auf alte Menschen und Menschen mit Behinderung, natürlich auch auf Säuglinge und Kleinkinder, solange sie bestimmte Tätigkeiten noch nicht selbst durchführen können.

Im Hinblick auf die nicht unumstrittene Definition der „WHO" Gesundheit ist der Zustand körperlichen, seelischen, geistigen und sozialen Wohlbefindens" kann davon ausgegangen werden, dass

Gesundheit jederzeit und immer wieder neu erhalten -und erarbeitet werden muss.

Nicht die einfache Abwesenheit von Krankheit ist das Ziel, sondern ein umfassendes Erleben und Leben in Gesundheit.

Jedoch ist eine Sichtweise, die Gesundheit und Krankheit als sich gegenseitig ausschließende, polare Zustände sieht, eher veraltet. Kranke und gesunde Anteile des Menschen können sich wechselseitig durchdringen, auch sind Phasen im Leben eines Menschen denkbar, in denen er teilweise gesund, teilweise krank ist.

Es geht Pflege nicht nur darum, einem kranken Menschen in der Phase einer aktuellen Krankheit beizustehen, sondern ihn auch dabei zu unterstützen, sich gesund zu erhalten.

Der Einbezug der Prophylaxe in der Pflege ist eine wichtige Neuerung im Selbstverständnis.

Pflege heute besteht also sowohl aus Handlungen, die auf Krankheit bezogen sind, die durch Erkrankungen bedingt sind. Aber auch auf Handlungen, die auf die Erhaltung der Gesundheit zielen

Ein modernes Pflegeverständnis orientiert sich an einem allgemeinen Verständnis von Ganzheitlichkeit. Damit wird ausgesagt, dass nicht nur Teilfunktionen eines Menschen oder spezielle Organe von Krankheit betroffen sind. Sondern in der Regel der ganze Körper, die ganze Psyche, der ganze Geist, damit der ganze Mensch.

Diese Rückbeziehung auf hippokratische Ideen sorgt für ein erweitertes Selbstverständnis der Pflege, die sich damit zunehmend von einem Assistenzberuf der Medizin zu einer eigenständigen Disziplin entwickelt.

Pflege versteht sich als Pflegekunde, als Pflegekunst und als Beziehungsarbeit mit dem Patienten.

Dorothea Orem (1997) stellt ins Zentrum ihrer Überlegungen die Selbstpflege. Sie meint damit eine erlernte, zielgerichtete Aktivität von Individuen, deren Verhalten in konkreten Lebenssituationen darauf gerichtet ist, ihre eigene Entwicklung, lebenswichtige Funktionen, Gesundheit und Wohlbefinden sicherzustellen.Diese Selbstpflege aktualisiert sich insbesondere in sogenannten Aktivitäten des täglichen Lebens.

Mit dieser Neuorientierung der Pflege, die auf Nancy Roper, vor allem aber auf Liliane Juchli und Prof. Dr. A. Fröhlich zurückgehen, wird eine unmittelbare Nähe zu pädagogischem Denken, insbesondere zu einer Pädagogik bei Behinderung deutlich.

Beide Disziplinen verfolgen sowohl in der Alltagspraxis als auch in der wissenschaftlich reflektierten, professionellen Arbeit fast identische Ziele. Sie versuchen die Autonomie, d. h. die Selbstbestimmungsmöglichkeiten des Menschen, zu stärken.

Sie versuchen die Selbständigkeit des Individuums zu fördern und seine Entscheidungsfähigkeit zu sichern, zu erhalten oder entwickeln zu helfen. Beide bemühen sich darum, die Selbstpflegekompetenz aufzubauen und somit eine Fremdpflege „überflüssig“ zu machen

Dorothea Orem weißt darauf hin, dass Pflegebedürftigkeit immer dann entsteht, wenn die Selbstpflegekompetenz aktuell oder auf Dauer eingeschränkt ist.

Ein Mensch kann nicht mehr für sich selbst pfleglich sorgen, sondern er benötigt Hilfe und Unterstützung anderer.

Hier setzt professionelle Pflege ein!

Pflege definiert sich damit, nicht mehr an scheinbar objektiven Befunden wie Krankheit oder auch Behinderung, sondern an den - pädagogisch formuliert - individuellen Förderbedürfnissen eines Menschen.

Statt die Selbständigkeit zu fördern, werden Menschen in Abhängigkeit gehalten.

Statt Selbständigkeit zu unterstützen, wird die erlernte Hilflosigkeit weiter gefördert. Statt Partizipation an Entscheidungen herbeizuführen, wird Macht ausgeübt.

Statt die Selbstlernfähigkeit in den Vordergrund zu stellen, bleibt der Pflegende in Position des "Alleswissenden".

Die neueren Konzepte einer pflegewissenschaftliche orientierten Pflege haben sich allerdings in der Praxis noch lange nicht überall durchgesetzt.

Häufig finden sich Vorgehensweisen, die sehr stark krankheits- und damit defektorientiert sind. Sie machen Patienten zum Objekt der Pflege, sie „fördern“ die Eigenaktivität des Patienten nicht nur nicht, sondern schränken sie stark ein.

Gerade durch die Schaffung einer Pflegegeldversicherung wurden ungünstige Tendenzen verstärkt. So benötigen Menschen mit sehr schweren Behinderungen zwar immer auch Hilfe und Unterstützung bei alltäglichen Verrichtungen. Insbesondere Körperpflege, Ernährung und Ausscheidung können häufig von ihnen nicht selbständig bewältigt werden.

Daneben sind Lagewechsel, Fortbewegung, Kommunikation und andere wichtige Bereiche ebenfalls oft nur mit intensiver Assistenz möglich.

Pflege kann lebensbedeutsame Unterstützung für diese Menschen sein, eine gewissenhafte und fachlich fundierte Pflege sichert Lebensqualität, aber sie kann spezifische Lern- und Entwicklungsangebote nicht ersetzen. Es steht zu hoffen, dass eine sich derzeit organisierte, pflegewissenschaftlich orientierte selbstbewusstere Pflege, Verbesserungen erreichen kann.

Literatur
Bienstein, Ch./Zegelin, A.: Handbuch Pflege. Düsseldorf 1995

Bienstein, Ch./Fröhlich, A.: Fachdienst Lebenshilfe 3/99, S 21-22 Marburg 1999

Evers, G.C.M.: Theorie und Prinzipien der Pflegekunde. Wiesbaden 1997

Fröhlich, A.: Bienstein, Chr.; Haupt, U (Hrsg.): Fördern – pflegen - begleiten. Düsseldorf

Pflege heute: Lehrbuch und Atlas für die Pflegeberufe (Hrsg. von Arne Schäffler u.a.). Ulm 1997

Walker, L.O.; Avant K.C.: Theoriebildung in der Pflege. Wiesbaden 1998


written by Prof. Dr. Andreas Fröhlich

© 2007 by Johann Rannegger