Welt-Schlaganfall-Tag: Stroke-Units in Österreich vorbildlich
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Geschrieben von Ursula am 21.02.2010 10:15:04 (465 * gelesen)
Die Österreichische Gesellschaft für Schlaganfall-Forschung und die Österreichische Gesellschaft für Neurologie starteten zum Welt-Schlaganfall-Tag eine Informationsoffensive. In Österreich gibt es durchschnittlich mehr als zwei Schlaganfälle pro Stunde, 24.000 Menschen erleiden jährlich einen Schlaganfall. Nach dem Herzinfarkt ist der zerebrale Insult bereits Todesursache Nummer zwei und häufigste Ursache für eine bleibende Behinderung.
„Wenn auch die Zahl der Schlaganfälle kontinuierlich zunimmt, so können wir doch erhebliche Fortschritte verzeichnen, was die Sterberate aufgrund eines Schlaganfalls betrifft“, betonte Prof. Wilfried Lang, Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Schlaganfall-Forschung (ÖGSF) und Vorsitzender der Expertenkommission des Österreichischen Schlaganfall-Registers. Zwischen 1970 und 2008 ist die Schlaganfall-Sterblichkeit um fast 80% – von 130 pro 100.000 Einwohner auf rund 27 pro 100.000 Einwohner – zurückgegangen.
Dafür maßgeblich sei die hierzulande auch im internationalen Vergleich vorbildliche Ausstattung mit spezialisierten Behandlungseinheiten, den Stroke-Units. „34 solcher Einrichtungen in insgesamt 31 Krankenhäusern gewährleisten in Österreich bereits eine flächendeckende Versorgung. Schon heute ist es möglich, Patienten innerhalb einer Transportzeit von meist weniger als 45 Minuten in eine Stroke-Unit zu bringen“, sagte Lang. Es wäre sehr wünschenswert, dass hier auch die letzten Lücken bald geschlossen werden.
Neben der flächendeckenden Verfügbarkeit ist es auch die einheitlich hohe Strukturqualität, die alle österreichischen Stroke-Units auszeichnet. „Die aktuellen Daten aus dem Schlaganfall-Register zeigen in beeindruckender Weise, wie sich unsere Performance laufend weiter verbessert“, präsentierte Lang die Datenlage: 65% der Patienten mit akutem Schlaganfall können innerhalb von 3 Stunden versorgt werden. Mehr als 40% der Betroffenen kommen sogar innerhalb von nur 90 Minuten nach Eintritt des Ereignisses in ein Spital. 75% der Patienten erhalten die erste bildgebende Untersuchung mit CT oder MRT innerhalb der ersten Stunde nach ihrer Aufnahme an der Stroke-Unit, und mehr als 50% der Patienten erhalten innerhalb von 60 Minuten nach der Aufnahme eine Thrombolyse.
Therapie: je rascher, desto wirksamer
Beim Schlaganfall gilt: „Time is brain.“ Die Möglichkeit der Thrombolyse hat hier wesentliche Behandlungsverbesserungen gebracht. Bislang galt ein Zeitfenster von 3 Stunden als Standard, innerhalb dessen eine Behandlung erfolgen muss, damit sie mehr Nutzen als Risiken bringt. Neuere Daten zeigen, dass dieses Zeitfenster offenbar auf 4,5 Stunden ausgeweitet werden kann. Doch trotz dieser neuen Einsichten sei rasches Handeln in jedem Fall angesagt. „Die Therapie sollte immer so früh wie möglich einsetzen, denn je rascher sie angewendet wird, umso wirksamer ist sie“, erklärte Lang. Auch bei der Thrombolyse ist Österreich führend, wie die aktuellen Daten aus dem Schlaganfall-Register zeigen. Im Oktober 2009 wurden bereits 15% der Schlaganfall-Patienten lysiert. Weltweit sind es nur 2 bis 4%. Lässt man jene Patienten unberücksichtigt, die für die Lyse-Behandlung aus unterschiedlichen Gründen nicht in-frage kommen, liegt die Anwendungsrate in Österreich bei 58%.
TIA als Notfall behandeln
Daten liefert das Schlaganfall-Register auch zur transitorischen ischämischen Attacke (TIA). Patienten mit einer TIA haben ein hohes Risiko, innerhalb der nächsten Tage einen Schlaganfall mit bleibender Behinderung zu erleiden. „Nach einer TIA erleiden rund 12 von 100 Personen innerhalb von 3 Monaten einen ischämischen Schlaganfall, 6 davon innerhalb der nächsten 48 Stunden. Ziel ist, dieses Risiko durch die rasche Einleitung gezielter Maßnahmen zu beseitigen“, sagte Dr. Julia Ferrari, Leiterin der Projektgruppe TIA für das Österreichische Schlaganfall-Register. Aus bisherigen Untersuchungen ist bekannt, dass ein Alter über 60 Jahre, Blutdruck bei Spitalsaufnahme über 140/90mmHg, eine TIA mit halbseitiger Schwäche und einer Dauer von über 60 Minuten sowie Diabetes mellitus mit einem höheren Schlaganfall-Risiko innerhalb der nächs-ten Tage assoziiert sind. „Auf Basis unserer Untersuchungen konnte gezeigt werden, dass Patienten, die eine TIA im Rahmen eines Infekts, wie zum Beispiel eines Harnweginfekts, einer Bronchitis oder Pneumonie, erleiden, ein um das Fünf- bis Sechsfache erhöhtes Risiko haben, innerhalb der nächsten Stunden einen Schlaganfall zu erleiden“, so Ferrari. Die Forschung ist gefordert, Maßnahmen zu finden, um dieses Risiko zu reduzieren.
Daten aus einem spitalsbasierten deutschen Schlaganfall-Register zeigen, dass eine TIA in der linken Hemisphäre wesentlich häufiger diagnostiziert wird als eine TIA in der rechten. „Aus Untersuchungen aus unserem österreichischen Stroke-Unit- Register ist bekannt, dass das Verhältnis der linksseitigen zu der rechtsseitigen TIA 3:2 ist und somit die rechtsseitige TIA unterdiagnostiziert ist. Flüchtige Symptome der linken Körperhälfte sollten also verstärkt beachtet werden“, bemerkte Ferrari.
Schlaganfall-Risikofaktoren sind vermeidbar
Verschiedene Maßnahmen der Prävention können erheblich dazu beitragen, das Risiko für das Auftreten eines Schlaganfalls zu verringern. Lebensstilmaßnah-men spielen hier eine ganz entscheidende Rolle, insbesondere regelmäßige Bewegung. „Der präventive Effekt körperlicher Betätigung auf das Schlaganfall-Risiko ist nachhaltig belegt. Eine halbe Stunde Ausdauersport am Tag kann das Risiko für einen Schlaganfall um rund 25% senken“, betonte Prof. Johann Willeit, Universitätsklinik für Neurologie, Innsbruck. So hat eine erst kürzlich in der Zeitschrift Stroke erschienene Studie aus den USA ergeben, dass Männer und Frauen ihr Schlaganfall-Risiko mit jedem täglich gelaufenen Kilometer um 11% senken können. Wer acht oder mehr Kilometer täglich rennt, hat ein bis zu 60% geringeres Schlaganfall-Risiko. Der Lebensstil ist auch mitverantwortlich für Risikofaktoren wie Bluthochdruck, Diabetes oder ungünstige Blutfettwerte. „Allein ein Blutdruck über 140/90 etwa erhöht das Schlaganfall-Risiko um das 2- bis 4-Fache“, warnte Willeit.
Das Schlaganfall-Risiko könnte um 80% gesenkt werden, wenn es gelänge, optimale Werte in fünf Bereichen zu erreichen: Kein Nikotin, körperliche Aktivität mindestens 30 min/Tag, BMI Kompetente Netzwerke für eine integrierte Stroke-Versorgung
Mit dem Konzept der Stroke-Units ist Österreich in der Akutversorgung von Schlaganfall-Patienten weltweit ganz vorne. Jetzt geht es um die Entwicklung und möglichst breite Umsetzung integrativer, „ganzheitlicher“ Konzepte, die von einer Prävention des Schlaganfalls über die schnellst- und bestmögliche Akutbehandlung und die frühe und individualisierte Neurorehabilitation bis hin zur optimalen Nachbetreuung reichen.
Die Kernüberlegung: Schlaganfälle sollen durch einen entsprechenden Lebensstil plus vorbeugende medikamentöse Maßnahmen möglichst verhindert werden. Besteht jedoch akut ein Schlaganfall-Risiko, sollten gut informierte Patienten und deren Angehörige die Anzeichen richtig deuten und die Rettung rufen, damit die Patienten schnellstmöglich zur Untersuchung in eine geeignete Einrichtung gebracht werden. Es müssen also die Transportmöglichkeiten optimal genützt und die diagnostischen und akuttherapeutischen Maßnahmen weiter verbessert werden. Anschließend folgen eine kompetente, individuell abgestimmte Rehabilitation und Nachbehandlung sowie Maßnahmen der Sekundärprävention. Heute ist eine Berechnung des individuellen Risikos, einen neuerlichen Schlaganfall zu erleiden, mittels validierter Skalen (z.B. „Essener Score“) möglich. Das erlaubt individualisierte Aufklärung und gezielte Maßnahmen der Risikoreduktion. „Die Antwort lautet integrierte Versorgung Schlaganfall (IVS)“, verdeutlichte Prof. Franz Fazekas, Universitätsklinik für Neurologie, Graz. „Darunter versteht man das optimale Zusammenspiel aller Partner in der Schlaganfall-Versorgung in sämtlichen Phasen der Krankheit, vom akuten Auftreten des Schlaganfalls bis zur Nachsorge in den eigenen vier Wänden nach der Reha.“ IVS will die Zusammenarbeit aller an der Schlaganfall-Versorgung Beteiligten verbessern, beschleunigen und transparenter machen. Standardisierte Qualitätssicherung im Prozess, die klare Definition von Abläufen und ständige Erfolgskontrolle sind Teil dieses Projektes. Bei der IVS hat Oberösterreich eine Vorreiterrolle. Um weitere Verbesserungen im Zusammenwirken der einzelnen Partner anzustoßen, haben das Land Oberösterreich mit der GESPAG und die Oberösterreichische GKK das österreichweit erste Projekt „Integrierte Versorgung Schlaganfall“ ins Leben gerufen. Dieses wird nach einer Pilotphase derzeit bereits allgemein umgesetzt. Andere Bundesländer folgen jetzt diesem Beispiel.
Breite Kooperation
„Natürlich kann dieses integrierte Konzept nicht nur von Neurologen alleine umgesetzt werden. Hier brauchen wir eine breite Kooperation von Sozialversicherungen und Kostenträgern, von allen involvierten Berufsgruppen, also außer Neurologen Ärzten anderer Fachrichtungen wie etwa Allgemeinmedizinern, Internisten und Radiologen, Pflegepersonen, Experten für Rehabilitation wie Physio-, Logo- und Ergotherapeuten und Sozialarbeitern“, betonte Fazekas. Insgesamt soll eine durchgängige Qualität der Schlaganfall-Versorgung gefördert werden, wobei ein gemessenes bestmögliches Outcome für die Patienten zu erreichen ist. An den Stroke-Units werden österreichweit bereits seit mehreren Jahren Eckdaten zur Versorgungsqualität und das Behandlungsergebnis nach drei Monaten mittels eines Registers erfasst.
Damit ist der Einblick in spezifische Prozessabläufe gewährleistet, woraus sich wichtige Vergleiche zwischen Zentren im Sinne des Benchmarkings ergeben, vor allem aber auch Schwächen aufgezeigt werden, die durch gezielte Maßnahmen beseitigt werden müssen. Im Rahmen der IVS sollte die Erfassung der Versorgungsqualität sowohl auf alle Schlaganfall-Patienten als auch auf die gesamte „Versorgungskette“ ausgedehnt werden. „Wir sind konsequent unterwegs zum Ziel einer wirklich integrierten Schlaganfall-Versorgung von der Vermeidung bis zur Nachsorge. In Österreich hat hier die Zukunft bereits begonnen“, schloss Fazekas.
Quelle des Artikels Welt-Schlaganfall-Tag: Stroke-Units in Österreich vorbildlich:
B&K Pressegespräch zum Welt-Schlaganfall-Tag, 29. Oktober 2009, Wien