KOGNITIVE REHABILITATION: MIT MASSGESCHNEIDERTEN TRAININGSPROGRAMMEN ZUM ERFOLG
Geschrieben von Ursula am 30.03.2009 09:26:52  (770 * gelesen)
Datum 30.03.2009 09:26:52
Thema

Motorische Funktionen sind nicht der einzige Aspekt in der Rehabilitation nach Insulten oder traumatischen Hirnschädigungen. Große Probleme können auch Gedächtnis, Aufmerksamkeit und funktionelle Kommunikation verursachen. Über Möglichkeiten der Besserung durch gezieltes Training referierten Experten anlässlich einer internationalen Tagung für Neurorehabilitation in Wien.

Welche neuronalen Netzwerke sind involviert? Das ist eine der wichtigsten Fragen bei der Planung maßgeschneiderter Rehabilitationsprogramme für Patienten mit zerebralen Schädigungen. „Eine funktionell-topographische Lokalisation der Läsionen ermöglicht nicht nur eine bessere Charakterisierung der Störung selbst, sondern hilft auch dabei, bessere Konzepte für die Wiederherstellung verloren gegangener Funktionen zu erarbeiten“, betonte Prof. Dr. Stéphanie Clarke, Universität Lausanne. Nur so können die Plastizität des Gehirns genützt, Funktionsverluste kompensiert und Autonomie erreicht werden. Zur Therapieplanung zählt daher primär eine Analyse des Defizits sowie von dessen Ursachen und Auswirkungen. Auch gilt es, die erhaltenen Kapazitäten und Bewältigungsmöglichkeiten zu erkennen. Simulierte und reale Alltagssituationen sind Bestandteil des therapeutischen Settings, ebenso das Miteinbeziehen wichtiger Bezugspersonen in stützender beziehungsweise kotherapeutischer Funktion. „Kriterium für den Therapieerfolg sind das Erreichen alltags-bezogener Therapieziele sowie eine Verbesserung des persönlichen Befindens“, fasste Clarke zusammen.

Apraxie

Über den Nutzen von individuellen Trainingsprogrammen bei Apraxie referierte Prof. Dr. Georg Goldenberg, Klinikum Bogenhausen/München. „Die Apraxie als Unfähigkeit, Körperteile und Gegenstände funktionell zweckmäßig einzusetzen, obwohl alle elementaren motorischen Einzelleistungen möglich sind und weder Ataxie, Dyskinesie oder Sensibilitätsstörungen vorliegen, kann die Wiederherstellung von Selbstständigkeit enorm beeinträchtigen“, so Goldenberg. Im Gegensatz zu den einfachen motorischen Störungen manifestiert sich die Apraxie meist bilateral nach einer Schädigung des motorischen Assoziationskortex in der sprachdominanten Hemisphäre.

Apraxien zeigen sich in drei Teilgebieten: dem Imitieren von Gesten, der Ausführung bedeutungsvoller Gesten auf Aufforderung und dem Gebrauch von Werkzeugen und Objekten. Dabei gibt es nach bisherigem Wissen separate Kombinationen von Schaltkreisen für die Imitation von Gesten und Bewegungen, je nachdem, ob diese bedeutsam sind oder nicht. Entsprechend können Schädigungen auch isoliert die Steuerung nützlicher gegenstandsbezogener Gesten und Handlungen betreffen oder Schaltkreise, die für die Steuerung abstrakterer Imitationsvorgänge verantwortlich sind. Je nach Art der Störung sind die Erfolge eines Trainings unterschiedlich. Da es kaum zu einer Generalisierung kommt, müssen gezielt jene Funktionen trainiert werden, die der Patient für die Bewältigung seines Alltags am meisten braucht. Als Beispiel führte Goldenberg das Training von kommunikativen, nicht objektbezogenen Gesten an, die dem aphasischen Patienten – Aphasie und Apraxie sind oft kombiniert – eine wichtige Möglichkeit der Kommunikation eröffnen. In einer von Goldenberg durchgeführten kontrollierten Studie an Patienten mit schwerer Aphasie konnte die Ausführung solcher Gesten durch gezieltes Training hochsignifikant verbessert werden.

Gedächtnis

Auch bei Gedächtnisstörungen muss das Training gezielt auf die individuellen Bedürfnisse und Anforderungen der Patienten abgestimmt werden. Prof. Dr. Barbara A. Wilson, Cognition and Brain Science Unit, Cambridge, verwies in diesem Zusammenhang auf das SMART-Konzept. Das Akronym steht für „Specific, Measurable, Achievable, Realistic and Time-based”. Die Ausgangsleistung und Bedürfnisse der Trainierten müssen berücksichtigt werden, eine Evaluierung der Wirksamkeit einzelner Trainingselemente soll möglich sein, übertrieben hohe Anforderungen sollen vermieden werden und der Zeitrahmen soll klar abgesteckt sein.

Neben externen Hilfen in Form von Erledigungslisten, Pinnwänden, Wegbeschreibungen oder Gedächtnisbüchern werden spezifische gedächtnisfördernde Strategien der Informationsverarbeitung angewandt. Dazu zählen Techniken wie das schrittweise Ausschleichen von Hinweisreizen (vanishing cues), die bildliche Vorstellung von Information (visual imagery), das Gruppieren von Einzelinformationen, wiederholter Informationsabruf nach ansteigenden Zeitintervallen („spaced retrieval“) oder fehlerfreies Lernen („errorless learning“). Ziel aller Techniken ist eine Verbesserung von Alltagsleistungen bzw. die Reduktion von Problemen, die aus der Gedächtnisstörung resultieren. Jeder Patient verwendet individuell relevante Materialien. „Kriterium für den Therapieerfolg ist das Erreichen alltagsbezogener Therapieziele und das Verbessern des persönlichen Befindens“, so Wilson abschließend.

Aufmerksamkeit und Konzentration

Während bei Gedächtnisstörungen und Apraxie das Training hauptsächlich auf zwischenmenschlicher Interaktion beruht, steht beim Training von Aufmerksamkeit und Konzentration der Computer im Mittelpunkt des Geschehens. „Der Grund für die Bevorzugung des Computers liegt darin, dass dieser eine präzise Steuerung der zeitlichen und strukturellen Anforderungen des individuellen Patienten erlaubt“, erklärte Prof. Dr. Walter Sturm, Universitätsklinik Aachen. Außerdem sei nur mittels Computer die nötige Gleichförmigkeit der Situation gewährleistet, die gerade im Bereich der Daueraufmerksamkeit und Vigilanz Voraussetzung für eine gezielte Behandlung ist. Durch systematische Leistungsrückmeldung bietet der Computer dem Patienten die Möglichkeit, die Selbstwahrnehmung zu verbessern und somit Aufmerksamkeitsressourcen optimal zu verteilen.

Aufmerksamkeitsstörungen zählen zu den häufigsten neuropsychologischen Beeinträchtigungen nach erworbenen Hirnschädigungen. Sie sind bei etwa 80% der Patienten nach Schlaganfall, Schädel-Hirn-Trauma oder anderen ZNS-Erkrankungen zu beobachten. Im Wesentlichen werden fünf Aufmerksamkeitskomponenten unterschieden: Alertness, Vigilanz (Daueraufmerksamkeit), selektive Aufmerksamkeit, visuoräumliche Aufmerksamkeit und geteilte Aufmerksamkeit. Intellektuelle und praktische Fähigkeiten werden durch Aufmerksamkeitsstörungen in erheblichem Maße beeinträchtigt. „Betroffenen Patienten ein maßgeschneidertes Training anbieten und konkrete Erfolge in Aussicht stellen zu können, ist ein wichtiger Bereich der kognitiven Rehabilitation“, betonte Sturm. Er verwies in diesem Zusammenhang auf die Datenlage, die die Effektivität einer computergestützten Aufmerksamkeitstherapie konsistent belegt. Allerdings sei eine hohe Trainingsfrequenz erforderlich und eine Generalisierung nicht zu erwarten. Wie beim Apraxie-Training müssen die verschiedenen Funktionsbereiche separat trainiert werden.


Quelle des Artikels Kognitive Rehabilitation: mit maßgeschneiderten Trainingsprogrammen zum Erfolg:
Gemeinsame Jahrestagung der Österreichischen, der Deutschen und der Schweizer Gesellschaften für Neurorehabilitation, Sitzung „Kognitive Rehabilitation“, Wien

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